Krippenbetreuung – Pro und Contra

Beratung von Eltern hinsichtlich der Qualität von Krippenbetreuung

Die Kita-Betreuung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren kann mittlerweile als wichtiger Zweig des Bildungssystems gesehen werden. Hohe Betreuungsquoten (vgl. destatis.de, 2018) weisen auf eine breite Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung hin, und durch die Forschung in diesem Bereich verdichten sich die Erkenntnisse, dass die Teilnahme am System der frühkindlichen Betreuung den Übergang in die Schule erleichtert und sie sich positiv auf viele weitere Bereiche ihrer Entwicklung auswirkt (vgl. Taggart et al. 2015).

Bei Kindern unter drei Jahren, für deren Krippenbetreuung ab dem ersten Lebensjahr ein Rechtsanspruch besteht, wird deren außerfamiliäre Betreuung jedoch in vielen Aspekten kontrovers diskutiert. Lässt man bei der Krippenbetreuung die berufsbedingte Notwendigkeit für Eltern (und den damit verbundenen familiären und volkswirtschaftlichen Nutzen) außer Acht und fokussiert sich auf das gegenwärtige und zukünftige Wohl der Kinder, so können die bislang überschaubaren Studien zu diesem Thema sowohl Befürwortern als auch Skeptikern als Argumentationsbasis dienen.

Da die Betreuung von Kindern in einer Krippe emotional sehr aufgeladen diskutiert wird und hier viele ideologische Grundeinstellungen aufeinander treffen, sollen nachfolgend sachlich recherchierte Pro- und Contra-Argumente genannt werden, für die auch eine wissenschaftliche Basis aufgrund des aktuellen Stands der Forschung gefunden werden kann.

Risiken in der Tagesbetreuung für Kinder unter 3 Jahren

Messungen des Cortisol-Spiegels von Krippenkindern in den USA lieferten Hinweise auf eine erhöhte Stressbelastung. Eine erneute Messung bei 15-Jährigen des gleichen Studienkollektivs zeigte bei Kindern, die in den ersten 3 Lebensjahren in großem Umfang an der Gruppenbetreuung teilnahmen ähnliche Ergebnisse, wie bei jenen, die im Kleinkindalter emotional vernachlässigt wurden (vgl. Roisman et al. 2009). Eine fast tägliche Trennung von der primären Bezugsperson und Betreuungssituation, die vom familiären Alltag abweicht, können als Auslöser einer erhöhten Stressreaktion von Krippenkindern gesehen werden. Dabei kann auf eine Übertragbarkeit der amerikanischen Ergebnisse mit der Situation in Deutschland geschlossen werden. Eine kanadische Studie konnte Zusammenhänge zwischen der Betreuung in einer Einrichtung im ersten Lebensjahr und hyperaktivem Verhalten im Alter von 6 bis 7 Jahren feststellen (vgl. Babchishin et al. 2013).

Positive Effekte der Tagesbetreuung für Kinder unter 3 Jahren

Hinweise auf einen positiven Effekt für Kinder, die an einer Krippenbetreuung teilgenommen haben, können aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2008 gewonnen werden, da hier die frühe Teilnahme an außerfamiliärer Betreuung mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in Verbindung gebracht wird, später ein Gymnasium zu besuchen (vg. Fritschi und Oersch, 2018). Ebenso kann sich durch die Krippenbetreuung die kognitive und soziale Kompetenz von Kindern erhöhen, und es lassen sich rasche Fortschritte in der sprachlichen Kompetenz erkennen (vgl. the NiCHD study of early child care and youth development, 2006), was besonders Kindern aus Familien zu Gute kommt, in denen Deutsch nicht als Muttersprache gesprochen wird. Die Krippe kann ein Bildungsort für Erfahrungen im sozio-emotionalen Bereich werden, in der interessengeleitete Beschäftigung und soziale Austauschprozesse mit Gleichaltrigen stattfinden (vgl. Datler et al. 2010). Es konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass eine frühe außerfamiliäre Betreuung einen negativen Einfluss auf die Bindungsmuster zwischen Müttern und Kindern ausübt (vgl. bke, 2016).

Die entscheidende Rolle der Qualität in der Kindertagesbetreuung

Da es im Interesse der Kinder, der Eltern und der Gesellschaft liegt, die positiven Aspekte der Krippenbetreuung zu fördern und die negativen Aspekte zu verhindern oder wenigstens zu minimieren, ist zu überlegen, welche Ratschläge Eltern gegeben werden können, die eine Krippenbetreuung für ihr Kind in Erwägung ziehen.

Das Kind sollte die Chance bekommen, eine stabile Beziehung zu ihren primären Bezugspersonen aufzubauen. Somit wird empfohlen, nach Möglichkeit von einer Krippenbetreuung in den ersten 18 Monaten abzusehen (vgl. Linkert et al. 2013). Des Weiteren sollte der zeitliche Betreuungsumfang im Krippenalter so gering wie möglich gehalten werden (vgl. NICHD Early Childcare Research Network, 2006). Wurde ein Betreuungsrahmen festgelegt, wird empfohlen, das Kind regelmäßig an der Betreuung teilnehmen zu lassen, damit eine gewisse Konstanz gewährleistet ist. Der wichtigste Punkt, auf den Eltern jedoch achten sollten, damit ihr Kind von den Vorteilen der Krippenbetreuung profitieren kann und Gefährdungen minimiert werden, ist ein hohes Maß an Qualität in der Einrichtung, in der es betreut werden soll. Die Deutsche Liga für das Kind hat 2013 in ihrem Positionspapier „Gute Qualität in Krippe und Kindertagespflege“ mit 36 Eckpunkten in drei Kategorien ein sehr detailliertes Bild von Qualität gezeichnet. Andere Publikationen komprimieren die Qualitätskriterien auf wenige Kernaspekte. Nachfolgend soll Bezug auf einige Punkte genommen werden, die aber unbedingt beachtet werden sollten:

Ein Punkt, der von vielen Eltern übersehen wird, ist die Betrachtung des pädagogischen Konzeptes der Einrichtung sowie die kritische Auseinandersetzung mit diesem. Hier kann viel darüber erfahren werden, nach welchen Grundsätzen gearbeitet wird und wo die pädagogischen Schwerpunkte liegen. Sollten bereits hier grundlegende Differenzen zu den Erwartungen der Eltern bestehen, birgt dies ein unnötiges Konfliktpotenzial. Es sollte dann nach einer Einrichtung gesucht werden, deren Konzept eher mit den Vorstellungen und Erwartungen der Eltern vereinbar ist.

Von enormer Wichtigkeit ist es, der Eingewöhnungsphase große Beachtung zu schenken. Das Kind erlebt mitunter die erste Trennung von seinen primären Bezugspersonen und muss eine bestimmte Zeit an einem ihm unbekannten Ort mit ihm unbekannten Erwachsenen und anderen Kinder verbringen. Hier ist ein System notwendig, welches auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingeht und in dem eine gute Kommunikation zwischen Eltern und pädagogischem Personal (sowie innerhalb der Einrichtung selbst) gewährleistet ist.

Generell ist das Personal ein entscheidender Faktor, da das Kind hier eine Beziehung zu einer neuen Bezugsperson aufbauen kann. Dies gelingt am besten, wenn in der Gruppe ein guter und möglichst beständiger Betreuer-Kind-Schlüssel gegeben ist. Ferner muss das Personal die notwendige Fachkompetenz und die Sensibilität aufweisen, um den besonderen Bedürfnissen dieser Altersgruppe gerecht zu werden.

Zusätzlich gibt es noch zahlreiche weitere Qualitätskriterien, die beachtet werden sollten, wie z.B. die Einbeziehung der Kinder in die Gestaltung ihres Alltags, ein gesundes Ernährungsangebot, geeignete Räumlichkeiten etc. (vgl. Gerszonowicz et al. 2013).

Betrachtet man diese Punkte, so kann davon ausgegangen werden, dass die Krippenbetreuung einen insgesamt positiven Effekt auf die Entwicklung des Kindes haben sollte. Bezogen auf das Eintrittsalter und den Betreuungsumfang kann gesagt werden, dass ein günstiger Übergang von der familiären in die außerfamiliäre Betreuung ab 14 bis 18 Monaten gelingen kann (vgl. Linkert et al. 2013), wenn die Dauer der Betreuung auf einen für das Kind zu bewältigenden Umfang beschränkt wird (vgl. Ahnert, 2010). Hierbei gilt es jedoch anzumerken, dass Eltern, die dem Kind zu Hause ein optimales Umfeld bieten und soziale Interaktion zwischen Kindern (vor allem auch vor dem Hintergrund des Spracherwerbs bei Kindern aus nicht deutschsprachigen Familien) beispielsweise durch die Teilnahme an Krabbel- oder Spielgruppen ermöglichen, durch den Verzicht auf Krippenbetreuung keine Nachteile für ihre Kinder zu befürchten haben. Ebenso hat die Krippenbetreuung – auch wenn nicht alle oben genannten Kriterien erfüllt sind – Vorteile für Kinder, die zu Hause in äußerst ungünstigen Verhältnissen leben.

Das Hamburger Kita-Gutschein-System ist so konzipiert, dass Eltern die Wahl haben, bei welcher Kita sie sich bewerben wollen. Durch diese Nachfragefreiheit soll den Kitas ein Anreiz gegeben werden, sich qualitativ so zu entwickeln, dass sie für Eltern an Attraktivität gewinnen. Im Interesse ihrer Kinder sollten Eltern von ihrer Wahlfreiheit gebrauch machen und eine Krippenbetreuung wählen, der sie mit gutem Gewissen ihr Vertrauen schenken und ihr Kind anvertrauen können.

Autor: Patrick Zemella

 

Literaturverzeichnis

Ahnert, L. (2010).: Wie viel Mutter braucht das Kind. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Babchishin, L.; Weegar, K.; Romano, E. (2013): Early child care effects on later behavioral outcomes using a Canadian nation-wide sample. Journal of educational and developmental psychology, Vol. 3 No. 2 2013, (S. 15 – 29)

Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) (2016): Chancen und Risiken einer familienergänzenden Betreuung für Kleinkinder unter drei Jahren. bke-Stellungnahme, Informationen für Erziehungsberatungsstellen

Datler, W.; Datler, M.; Hover-Reisner, N. (2010): Von den Eltern getrennt und doch nicht verloren. Annäherungen an das Alltagserleben von Krippenkindern unter dem Aspekt von Bildung. Kinderwelten – Bildungswelten. Unterwegs zur Frühpädagogik (S. 83-94)

Fritschi, T.; Oesch, T.: (2008) Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland. Eine ökonomische Bewertung langfristiger Bildungseffekte bei Krippenkindern, Bertelsmann Stiftung

Gerszonowicz, E.; Hédervári-Heller, É.; Kißgen, R.; Lehmkuhl, U.; Maywald, J.; Rakete-Dombek, I.; Roos, J.; Thyen, U.; Viernickel, S.; Walper, S. (2013): Gute Qualität in Krippe und Kindertagespflege. Positionspapier der Deutschen Liga für das Kind

Linkert, C.; Bäuerlein, K; Stumpf, E.; Schneider, W. (2013): Effekte außerfamiliärer Betreuung im Kleinkindalter auf die Bindungssicherheit und die sozialemotionale Entwicklung. Kindheit und Entwicklung, 22 (1), (S. 5 – 13)

NICHD Early Childcare Research Network (2006): Child Care Effect Sizes for the NICHD Study of Early Child Care and Youth Development. American Psychologist 61, 99-116

Roisman, G.; Susman, E.; Barnett-Walker, K.; Booth.LaForce, C.; Owen, M.; et al. (2009): Early Family and Child-Care Antecedents of Awakening Cortisol Levels in Adolescence. Child Development 80, (S. 907 – 920)

Taggart, B.; Sylva, K.; Melhuish, E.; Sammons, P.; Siraj, I.:(2015) Effective pre-school, primary and secondary education project (EPPSE 3-16+), Department for Education

 

Online-Quelle

Destatis, Statistisches Bundesamt, Kindertagesbetreuung – Betreuungsquoten der Kinder unter 6 Jahren in Kindertagesbetreuung am 01.03.2018 nach Ländern. , letzter Zugriff am 18.01.2019

2019-01-21T14:15:21+00:00